Public Colloquium

On 22. October 2009, a public colloquium (in German) was held at the Institut of multilingualisme in Fribourg with

Prof. Dr. Georges Darms, University of Fribourg,  Dr. Renata Coray, University of Zurich and Prof. Dr. Clau Solèr, University of Geneva  giving lectures about Rumantsch Grischun:

 

Rumantsch Grischun - Probleme der Sprachenplanung am Beispiel des Bünderromanischen

Zur schweizerischen Sprachenvielfalt ge­hört auch ein Bündel von romanischen Varietäten, die insgesamt von einem hal­ben Prozent der Bevölkerung als Haupt­sprache gesprochen werden und die seit Jahrhunderten vom Deutschen immer mehr zurückgedrängt werden. Eine sprachplanerische Massnahme, die bei­tragen soll, das Bündnerromanische zu stützen, ist die Schaffung einer einheitli­chen Standardsprache. Nach verschiede­nen Standardisierungsanläufen wird heute allgemein angenommen, dass die aktuell in der Verwaltung eingeführte Standard­sprache Rumantsch Grischun (RG) der erfolgreichste – aber auch der letzte – Anlauf zu einer solchen Standardisierung sein wird. Die öffentliche Diskussion sprachlicher Normen und Normierungen ist immer auch eine Diskussion um Sym­bole, historische, soziale, regionale und individuelle Identitäten sowie sprachliche Effizienz in einem viel- und mehrsprachi­gen Umfeld. So ist es wenig erstaunlich, dass auch RG seit Jahrzehnten heftig um­stritten ist.

Das Institut für Mehrsprachig­keit organisiert ein Kolloquium mit drei prominenten Vertretern/Vertreterinnen der Rumantschia, die jeweils einen unter­schiedlichen, forschungsgestützten Blick auf das Phänomen RG werfen werden. Die verschiedenen Standpunkte illustrie­ren in exemplarischer Weise die Probleme und Mechanismen, die zu berücksichtigen sind, wenn autochthone Minderheiten sprachplanerisch unterstützt werden sol­len.

Zusammenfassungen der Beiträge

Prof. Dr. Georges Darms: Aspekte der Entstehung und Implementierung des Rumantsch Grischun

Es sollen vor allem einige wichtige Aspekte der Entstehung und Implementierung des Rumantsch Grischun ausgeführt werden, die in der aktuellen Diskussion zum Rumantsch Grischun etwas in den Hintergrund getreten oder gänzlich unberücksichtigt geblieben sind, die jedoch einige Etappen dieser Entwicklung zum Teil doch in einem etwas anderen Licht erscheinen lassen, als heute tendenziell der Fall.

Dr. Renata Coray: Rumantsch Grischun – Sprach- und Machtpolitik in Graubünden

Seit der Schaffung von Rumantsch Grischun im Jahr 1982 stellt diese neue überregionale Schriftsprache ein Politikum dar. Der Vortrag befasst sich mit den öffentlichen Debatten rund um diese Sprache. Im Zentrum stehen die Akteure und ihre sprachideologischen Positionen, die sich aus ihren diskursiven Strategien ermitteln lassen. Eine wichtige Strategie stellen die Konzeption, Präsentation und Interpretation von Umfragen zur Akzeptanz von Rumantsch Grischun dar. Anhand der Literatur und der Presse wird dargestellt, welche Daten publik werden und wer welche Resultate in welches Licht rückt.

Prof. Dr. Clau Solèr: Die Sprache verliert den Boden

Das Rätoromanische ist – wie das Schweizerdeutsche – primär eine gesprochene Sprache für den Alltag in kleinen Gemeinschaften. Geschrieben wird es seit dem 16. Jahrhundert in mehreren Regionalformen; standardisiert ist es seit 1982 als Rumantsch Grischun.

Deutsch dient aber seit jeher als Ausbau- und Referenzsprache und für die weiterführende Ausbildung. Heute können alle Romanisch Sprechenden Deutsch mündlich und schriftlich – häufig besser als Romanisch, sodass das Romanische zunehmend zu einer Komplementärsprache in der engeren Region degradiert wird. Der intensive Kontakt zum Deutschen sowie Normierungseingriffe verändern das Romanische derart, dass sich die romanischen Begriffe semantisch entleeren und zu reinen lexikalischen Entsprechungen des Deutschen wandeln, ein Prozess, der zur Unterdifferenzierung bzw. Missverständnissen bei genuinen Sprechenden des Romanischen führt. Zudem zerfällt das romanische Sprachsystem.

Diese Veränderungen sollen anhand der Beziehungen und semantischen Referenzen von Begriffen und Strukturen der gesprochenen und geschriebenen Sprache untersucht und dargestellt werden. Vergleiche mit dem Deutschen weisen auf eine Generalisierung hin. (Romanische Beispiele mit Übersetzungen)